Quartalsbericht Märkte Q3 2026 · Quelle: Bank Julius Bär & Co. AG, „Market Outlook Year-End 2026: US headlines, global opportunities“, 17. September 2026
Einleitung und strategischer Überblick für den Vermögensschutz
Für Anleger, deren primäres Ziel im Erhalt und Schutz ihres erarbeiteten Kapitals liegt, stellen sich in Phasen eines beschleunigten technologischen Wandels grundlegende Fragen. Im Mittelpunkt des Marktausblicks der Schweizer Privatbank Julius Bär für das Jahresende 2026 („US headlines, global opportunities“) steht eine zentrale Erkenntnis: Die weltweite Wirtschaftsentwicklung löst sich schrittweise von der bisherigen Abhängigkeit von wenigen US-Technologiegiganten und fächert sich breiter auf.
Während im ersten Halbjahr 2026 vor allem Investitionen in KI (Künstliche Intelligenz, englisch Artificial Intelligence) die Märkte dominierten, breitet sich das wirtschaftliche Wachstum nun geografisch und sektoral aus („Diffusion of growth“). Für die Zielgruppe der Privatanleger eröffnet diese Entwicklung die Möglichkeit, Portfolios durch eine gezielte Streuung gegen Klumpenrisiken und Marktschwankungen abzusichern.
Das makroökonomische Umfeld ist durch ein neues Plateau bei Zinsen und Inflation geprägt. Vorübergehende Schwankungen an den Börsen – etwa im Vorfeld der US-amerikanischen Midterm Elections (den Zwischenwahlen zur Mitte der Amtszeit des US-Präsidenten im November) – sollten aus Sicht des Vermögensschutzes nicht als Paniksignal, sondern als ruhige Einstiegs- und Nachkaufgelegenheit verstanden werden.
1. Makroökonomisches Umfeld: Zinsen, Inflation und globale Dynamik
Das neue Normal bei Zinsen und Inflation
Die Ära der ultraniedrigen Zinsen und der Null-Inflation ist endgültig vorbei. Julius Bär geht davon aus, dass sich die Inflationsraten und Leitzinsen auf einem höheren, jedoch stabilen Niveau einpendeln werden. Drei wesentliche Faktoren treiben die Preise nachhaltig an:
- Reshoring: Die Rückverlagerung von Produktionsstätten aus dem Ausland in das Heimatland bzw. in befreundete Staaten zur Stärkung der Lieferkettensicherheit.
- Rüstungsausgaben: Dauerhaft erhöhte staatliche Budgets für die nationale Verteidigung.
- Geopolitische Fragmentierung: Die Aufspaltung der Weltwirtschaft in regionale Handelsblöcke.
Diesen preissteigernden Faktoren stehen produktivitätssteigernde Effekte durch den Einsatz von KI gegenüber, was eine ausgeprägte Stagflation (eine gefährliche Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und gleichzeitig hoher Inflation) unwahrscheinlich macht. Ein globales Rezessionsrisiko stufen die Analysten als gering und fern ein.
Geldpolitik der zentralen Notenbanken
Die Haltung der weltweiten Währungsbehörden zeigt ein differenziertes Bild:
- Fed (Federal Reserve, die Notenbank der Vereinigten Staaten): Nach einer Zinssenkung im September dürfte die Fed die Leitzinsen vorerst unverändert belassen, da sinkende Rohölpreise den Inflationsdruck mildern. Die neue Notenbankführung tendiert dazu, weniger Forward Guidance (im Voraus gegebene geldpolitische Orientierungssignale für die Märkte) zu geben, was kurzfristig zu höherer Kursschwankung führen kann. Der sogenannte Fed Put – die Erwartung, dass die Notenbank bei jedem Marktfeilbieten sofort stützend eingreift – liegt derzeit sehr hoch.
- EZB (Europäische Zentralbank) und SNB (Schweizerische Nationalbank): Beide Notenbanken dürften ihre Leitzinsen vorerst auf dem aktuellen Niveau belassen. Die Nullzins-Politik der SNB führt dazu, dass der CHF (Schweizer Franken) einen Zinsnachteil aufweist, was die Währung phasenweise schwächen kann.
- Bank of Japan: Aufgrund eines soliden Wirtschaftswachstums und steigender Löhne stehen hier weitere Zinserhöhungen bevor.
Währungsdynamik
Der bisherige Zinsvorteil des USD (US-Dollar) schwindet allmählich, was zu einer leichten Schwäche der US-Währung führt. Davon profitieren Währungspaare wie der EUR/USD (Euro gegenüber dem US-Dollar) sowie Rohstoffwährungen wie der AUD (Australischer Dollar) und die NOK (Norwegische Krone). Im Bereich der Schwellenländer bleiben lateinamerikanische Währungen sogenannte Carry-Champions (Währungen mit attraktiven Zinsdifferenzen beim Währungstausch).
2. Anleihen (Fixed Income): Realzins-Anker zur Kapitalsicherung
Anleihen (Fixed Income, also festverzinsliche Wertpapiere) nehmen im Rahmen der Asset Protection wieder ihre traditionelle Rolle als stabiler Anker im Portfolio ein.
Nutzung hoher Realzinsen
Der entscheidende Werttreiber für den Kapitalschutz ist der Realzins – also die effektive Rendite einer Kapitalanlage nach Abzug der erwarteten Inflationsrate. Die Realzinsen 10-jähriger US-Staatsanleihen liegen mit etwa 2,44 % nahe dem Höchststand seit der GFC (Global Financial Crisis, der weltweiten Finanzkrise von 2008 mit einem damaligen Spitzenwert von 2,52 %). Da die Zinsmärkte die straffe Haltung der Notenbanken bereits weitgehend eingepreist haben, ist das Risiko deutlicher Kursverluste bei Anleihen begrenzt.
Empfohlene Positionierung bei Anleihen
- Steuerung der Duration: Die Duration beschreibt die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer und misst die Empfindlichkeit einer Anleihe gegenüber Zinsänderungen. Julius Bär empfiehlt eine moderate Duration im Laufzeitensegment von 5 bis 10 Jahren. Dieses Segment bietet eine attraktive Kombination aus laufendem Ertrag (Yield), Zinsgewinn durch Haltedauer (Carry) und Kursgewinnen bei Annäherung an die Fälligkeit (Roll-down).
- Investment Grade präferieren: Anleger sollten primär auf Unternehmensanleihen im Segment Investment Grade (Wertpapiere mit hoher Bonität und geringem Ausfallrisiko) setzen. Solide Unternehmensbilanzen und eine starke Nachfrage sichern diese Titel ab.
- Schutz vor Inflation mit TIPS: Als Ergänzung dienen TIPS (Treasury Inflation-Protected Securities, also vom US-Finanzministerium ausgegebene, inflationsgeschützte Staatsanleihen), deren Kapitalwert direkt an die Inflationsentwicklung gekoppelt ist.
- Selektive Schwellenländeranleihen: Schuldtitel aus aufstrebenden Märkten (Emerging Market Debt) in Hard Currency (Hartwährungen wie US-Dollar oder Euro) sowie stabilen Local Currencies (Lokalwährungen) bieten eine defensive Ertragsquelle mit attraktiven Zinsen.
Warnung vor Hochzinsanleihen
Zurückhaltung ist im Bereich High Yield (Hochzinsanleihen von Unternehmen mit geringerer Kreditwürdigkeit) geboten. Durch gestiegene Refinanzierungskosten und eng gewordene Credit Spreads (der Renditeaufschlag gegenüber risikofreien Staatsanleihen) werden Anleger derzeit nicht ausreichend für das Ausfallrisiko hochverschuldeter Unternehmen entschädigt.
Langfristrisiko US-Staatsverschuldung
Die hohen US-Haushaltsdefizite (US Fiscal Deficits) stellen zwar kurzfristig keine unmittelbare Gefahr für den Anleihenmarkt dar, bergen aber ein langfristiges Entwertungsrisiko für Nominalgüter gegenüber Sachwerten.
3. Aktienstrategie: Streuung statt Klumpenrisiken
Am Aktienmarkt beobachtet Julius Bär eine deutliche Verbreiterung der Gewinne (Equity Breadth). Während zu Jahresbeginn nur wenige KI-Konzerne die Indizes trieben, verzeichnen nun breite Marktsegmente solide Gewinnsteigerungen.
Wandel im KI-Sektor: Monetarisierung schlägt Ausgaben
Anleger unterscheiden zunehmend zwischen Unternehmen, die lediglich massive Summen in KI investieren, und solchen, die aus diesen Investitionen reale Einnahmen generieren. Der Fokus im Technologiesektor verlagert sich von reiner Hardware hin zu Halbleiterherstellern und spezialisierten Softwareanbieter.
Große Betreiber von Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen (sogenannte Hyperscaler) gewinnen im Kommunikationssektor an Attraktivität, da sich die Monetarisierung der KI-Dienste beschleunigt.
Defensive Qualitätssektoren für den Vermögensschutz
Zur Risikominimierung im Aktiendepot werden folgende Sektoren empfohlen:
- Healthcare (Gesundheitswesen): Übergewichtet werden vor allem Biotechnologie (biologisch hergestellte Arzneimittel) und MedTech (Medizintechnik). Diese Branchen profitieren vom Trend zur Präzisionsmedizin (Next Generation Genomics, die Entschlüsselung des Erbguts für maßgeschneiderte Therapien) und sind unabhängig vom Konjunkturverlauf. Zudem müssen große Pharmakonzerne drohende Einnahmeverluste durch auslaufende Patente (die sogenannte Patent Cliff, also das zeitgleiche Auslaufen wichtiger Medikamentenpatente) durch den Aufkauf innovativer Biotech-Firmen ausgleichen.
- Europäische Finanzwerte: Europäische Banken bieten starke Gewinnperspektiven sowie attraktive Shareholder Returns (Aktionärsrenditen) von durchschnittlich rund 7 % durch Ausschüttung von Dividenden und Buybacks (Aktienrückkäufen).
- Stabilitätsanker Schweiz: Der Schweizer Aktienmarkt bietet aufgrund historisch günstiger Bewertungen und der hohen Qualität der enthaltenen Unternehmen einen erstklassigen Risikopuffer für globale Portfolios.
Geografische Diversifikation
Neben den europäischen Peripherieländern (wie Italien und Spanien) rückt Asien in den Fokus:
- Japan: Profitiert von steigenden Löhnen, Staatsausgaben und Reformen in der Unternehmensführung (Corporate Governance).
- Singapur: Bietet als defensiver Finanzplatz Schutz vor Kursschwankungen.
- China und Indien: In China liegen die Chancen bei lokalen KI-Champions und Halbleiterherstellern, während Indien durch starke Binnennachfrage überzeugt.
4. Alternative Investments & Sachwerte: Die Säulen des Vermögenserhalts
Für die Asset Protection Community ist die traditionelle Aufteilung eines Vermögens in 60 % Aktien und 40 % Anleihen (das sogenannte Traditional 60/40 Portfolio) in Zeiten höherer Inflation und schwankender Märkte nicht mehr ausreichend. Julius Bär empfiehlt daher eine signifikante Beimischung alternativer Anlagen.
Gold als ultimativer Absicherungsbaustein
Gold bleibt der zentrale Sachwert zur Absicherung gegen geopolitische Krisen, die Entwertung von Papierwährungen und ausufernde Staatsverschuldungen. Die anhaltend hohe Nachfrage globaler Zentralbanken verleiht dem Edelmetall eine starke strukturelle Unterstützung. Silber hingegen leidet unter einer nachlassenden Industrienachfrage.
Infrastruktur: Sachwerte mit integriertem Inflationsschutz
Private Infrastrukturinvestitionen (Private Infrastructure) bieten einen effektiven Schutz vor der Geldentwertung. Unternehmen in den Bereichen Stromnetze, digitale Infrastruktur und Erneuerbare Energien bedienen eine unelastische (also unverzichtbare) Nachfrage und verfügen häufig über Verträge mit automatischen Inflationsanpassungsklauseln. Sie profitieren direkt von den Megatrends der Energiewende und dem enormen Strombedarf neuer KI-Rechenzentren.
Private Markets: Außerbörsliches Eigen- und Fremdkapital
- Private Equity (außerbörsliches Eigenkapital): Anleger sollten auf wertorientierte Strategien (Value) sowie Übernahmen im Mittelstand (Mid-sized LBOs, also Leveraged Buyouts / fremdfinanzierte Unternehmensübernahmen) setzen. Diese sind weniger davon abhängig, dass das Fenster für börsliche Erstemissionen (IPOs, Initial Public Offerings) geöffnet ist.
- Private Debt / Direct Lending: Die direkte Kreditvergabe an Unternehmen abseits des regulierten Bankensystems. Insbesondere europäisches Direct Lending ist attraktiv, da Banken aufgrund strenger Eigenkapitalvorschriften weniger Kredite an den Mittelstand vergeben. Variable Verzinsungsstrukturen (Floating Rates) bieten hierbei einen natürlichen Schutz vor steigenden Zinsen.
Hedgefonds zur Risikoreduktion
Zur Vermeidung von Klumpenrisiken an den Aktienmärkten empfehlen die Experten Multi-Strategy Hedgefonds (vielseitige alternative Investmentfonds, die verschiedene Anlagestrategien flexibel kombinieren). Ziel ist es, aktienähnliche Renditen bei deutlich geringerer Schwankungsintensität zu erzielen. Sie nutzen das Alpha (die durch gezielte Einzeltitelauswahl erreichte Überrendite) abseits des allgemeinen Markttrends (Beta).
Strukturierung über Fondskonzepte
Zur optimalen Liquiditätssteuerung empfiehlt sich eine Kombination aus:
- Closed-End Funds (geschlossenen Fonds mit fester Laufzeit und gezieltem Kapitalrückfluss).
- Evergreen Funds (offenen, zeitlich unbegrenzten Fondsstrukturen, die eine kontinuierliche Kapitalanlage ermöglichen).
In den Musterportfolios von Julius Bär für sehr vermögende Kunden (UHNWI, Ultra High Net Worth Individuals) nehmen alternative Anlagen je nach Risikoprofil zwischen 20 % und 40 % des Gesamtvermögens ein.
Fazit: Die 5 Säulen des Vermögensschutzes für Privatanleger
Der Julius Bär Market Outlook Year-End 2026 liefert klare, handlungsorientierte Handlungsoptionen zur Bewahrung des Kapitals in einem sich verändernden Marktumfeld:
- Realzinsen sichern: Nutzen Sie das historisch attraktive Niveau bei Qualitätsanleihen im Laufzeitenbereich von 5 bis 10 Jahren als stabilen Ertragsanker.
- Klumpenrisiken abbauen: Breiten Sie Ihre Aktienallokation über die USA hinaus auf Europa, die Schweiz und ausgewählte asiatische Märkte aus.
- Qualität vor Spekulation: Setzen Sie bei Aktien auf krisenfeste Sektoren wie Gesundheit und Kommunikation sowie auf Unternehmen mit nachweisbarer Ertragskraft.
- Sachwerte & Edelmetalle halten: Gold und Infrastrukturanlagen bieten unentbehrlichen Schutz gegen die langfristigen Folgen hoher Staatsverschuldung und struktureller Inflation.
- Alternative Strategien einbinden: Ergänzen Sie liquides Kapital durch außerbörsliche Kredite (Direct Lending) und flexible Hedgefonds zur Entkopplung von Marktschwankungen.
Julius Bär: Durch diese professionelle, ruhige und breit diversifizierte Aufstellung bleibt das Privatvermögen gegen unvorhersehbare Marktturbulenzen geschützt und für künftiges Wachstum positioniert.
Quellen
zum Aufklappen
Primärquelle: Bank Julius Bär & Co. AG, Zürich (17. September 2026): Market Outlook Year-End 2026 – US headlines, global opportunities.
Autoren des Berichts: Michael Rist (Head Investment Content), Roman Canziani (Head Product & Investment Content), Bernadette Anderko, Jan Bopp, Lucija Caculovic, Helen Freer, Jacques Michael Rauber. Head of Research: Christian Gattiker.